Mikrokosmos

In einer schnelllebigen Zeit wie dieser, in welcher ein dramatisches Ereignis das nächste jagt, haben wir verlernt den Blick auf das Wesentliche zu richten. Bombardiert von Sinneseindrücken in Form von Fotos aus sozialen Medien, verzerrten Nachrichten auf diversen Plattformen und inflationären Nachrichten unserer Nächsten in Gestalt von WhatsApp Messages, bleibt uns keine Zeit mehr um unser selbst zu reflektieren.

Und manchmal sitzt du da. Du denkst an das Kind, das in seinem Zimmer saß und träumte. Unschuldig und rein. Die Gedanken frei. Keine Zwänge, sei es die Gesellschaft oder irgendwelche Umstände, nichts, aber auch gar nichts, dass die Gedanken einschränkte. Dieses Kind, welches Träume hatte. Und auch, wenn es noch keine Ideale und Prinzipien kannte, doch einfach aufrichtig war.

Du denkst an jenes Kind, jedoch wirft der Blick in den Spiegel dich zurück in die Gegenwart. Ein von Sorgen geplagter Mensch, der versucht seinem Umfeld und den gegebenen Umständen sich anpassend zu verhalten. Ein Roboter, der nur nach dem geschriebenem Programm handelt und denkt.

Das Kind, welches noch seine Träume hatte; dieses Kind ist nicht mehr da.

Und du fängst an zu realisieren, dass all der vermeintliche Fortschritt, die Technik, all das Geld und die Bestätigung der Gesellschaft, der Status und jegliche Oberflächlichkeit, keinen Wert mehr tragen .

Denn sie sind der Grund für den Verlust deiner Träume. Sie ließen dich vergessen, wer du bist und was du bist, wo du herkommst und wohin du kommen wirst.

Sie ließen dich DICH vergessen.

Der Blick ist betrübt. Ob es Zufall ist, dass Leben rückwärts gelesen Nebel heißt?

Es ist genau jener Nebel der Schnelllebigkeit, welcher uns die Beständigkeit raubt. Wie ein Meteoritenhagel prasseln tausende Dinge auf uns tagtäglich ein. Es bleibt nicht mal Zeit Luft zu holen und das nächste vermeintliche Drama steht schon bevor.

Jedoch, ist es so dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Und auch die Ameise hält in ihrem Mikrokosmos einen Tropfen Wasser für einen Tsunami.

Wir sind wie die Ameise gefangen in unserem Mikrokosmos. Der Blick und die Gedanken eingeschränkt; sie sind gefangen im Käfig der Normen und Werte der hiesigen Gesellschaft.

Doch, auch wenn es selten ist, hörst du manchmal dieses innere Kind in dir. Und du schaust hoch bei Nacht. In der Tiefe dieses schwarzen Himmels erkennst du die Sterne und beginnst dich zu erinnern. Und dir wird plötzlich wieder klar wie klein doch alles im Verhältnis ist. Für einen kleinen Moment wagen deine Gedanken den Ausbruch aus dem Gefängnis und auf einmal tauchen ganz neue Fragen auf. Fragen, die du in deinem täglichen Mikrokosmos niemals zu stellen wagen würdest. Fragen, die deinen Mikrokosmos in Frage stellen. Fragen, die nach dem Sinn fragen.

Und nun sitzt du da wie damals in deinem Zimmer und schaust nach oben. Wie das Kind damals träumst du und deine Gedanken sind grenzenlos in der Tiefe des Nachthimmels.

Bis es wieder Tag wird und der Sog des Mikrokosmos dich verschlingt und die Gefängnistür zugeschlagen wird.

Ömer İbrahim Şamdanlı

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