Geben und Nehmen

Dieses System in dem wir leben, geboren wurden, aufgewachsen sind und auch wahrscheinlich in dem wir sterben werden; dieses System hat uns heute zu einer Gesellschaft geformt, die zwischenmenschliche Beziehungen auf das wirtschaftliche Prinzip von Einnahmen und Ausgaben reduziert; namentlich ein „Geben und Nehmen“. Das heißt, um etwas zu bekommen muss ich erstmal etwas leisten. Dieses Model mag zwar in der Wirtschaft essentiell sein, jedoch ist sie auf zwischenmenschlicher Ebene angewendet, eine fatale Reduktion. In der heutigen Gesellschaft wird Hilfe leisten immer verbunden mit einer Gegenleistung. Eine Abkopplung kommt gar nicht mehr in Frage.

Jedoch, muss man sich fragen ob echte Hilfsbereitschaft auf Gegenseitigkeit beruhen muss. Würde man das bejahen, dann wäre es keine selbstlose Tat, die nur dem anderen zu kommt, sondern mehr eine Art Investition in die Zukunft, da man ja „gegeben“ hat und irgendwann dann auch „nehmen“ kann.

Diese Ansicht ist heute leider so normal geworden wie sie traurig ist. Hilfsbereitschaft sollte aus einem Akt der Nächstenliebe erfolgen ohne in Erwartung einer Gegenleistung. Selbstlos, ohne das Nehmen, eine Tat, mit der man keine Erwartung hegt, man könne daraus einen Vorteil für sich ziehen.

Die Erfüllung einem Menschen geholfen zu haben ohne auch irgendeine Gunst dadurch zu erwerben, scheint heute in einer Gesellschaft, welche auf Profitmaximierung getrimmt ist, untergegangen zu sein.

Frohe Botschaft denen, die sich noch dieser Erfüllung im Klaren sind.

Ömer İbrahim Şamdanlı

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(Ich) Finde dich!

Vielleicht denkst du ich bin zu kalt. Vielleicht denkst du ich wäre arrogant. Vielleicht denkst du ich wäre schon so abgestumpft, dass ich niemanden an mich heranlasse.

Die üblichen Theorien, wenn einer kein besonderes Interesse daran zeigt, jemanden kennenzulernen, sich zu binden oder zumindest zu flirten. Dies, weil die meisten heute nur noch damit beschäftigt sind, die nächste Person zu finden mit der man anbandeln kann, ob es jetzt der Partner für’s Leben sein soll oder doch nur ein kurzer Flirt. Dinge, wie ein kritisches Weltbild zu entwickeln, die Welt zu bereisen, um seinen Horizont zu erweitern, sich Ziele zu stecken und diese mit konsequenter Arbeit zu verfolgen; diese Dinge verkümmern bei den meisten Menschen heutzutage immer mehr und mehr zu einer Nebenrolle im Gegensatz zu der Frage: „Wie finde ich den passenden Partner?“

Natürlich ist auch dieser Aspekt, einen Menschen zu finden, mit dem man sein Leben teilen kann, ein sehr wichtiger, doch wie will man etwas kompatibeles finden, jemand passendes kennenlernen, wenn doch die meisten sich nicht einmal selber kennengelernt haben. Sie wissen nicht wer sie sind, zumeist nicht mal wer sie sein möchten. Heute neigen sie in diese Richtung, morgen in die andere. Als wäre man ein zarter Grashalm, der sich jedem noch so kleinen Windstoß zu beugen hat.

Dies, weil eben jene persönliche Entwicklung fehlt, weil man sich nicht mit der Welt und sich selber kritisch auseinandergesetzt hat.

Wie oft fehlt es an echten Inhalten und somit als Folge auch an ernsthaften Absichten. Jemand, der sich noch nicht selbst gefunden hat und nicht weiß wer er ist, wird sich und vor allem die Person, die er kennenlernen möchte in Unheil stürzen, denn der Weg ist ungewiss und keiner kann sich darauf einstellen, wann wieder eine andere Richtung eingeschlagen wird und Konflikte hervorgerufen werden.

Vielleicht denkst du, dass das traurig ist. Vielleicht hast du sogar recht.

Doch, die Vergangenheit hat mich gelehrt, von solchen Menschen Abstand zu halten, denn es gibt nichts traurigeres als sich selbst zu verlieren bei dem Versuch jemanden in sein Leben zu lassen, der sich noch nicht gefunden hat.

Ömer ibrahim Şamdanlı

Du wirst sterben

Man lebt so als würde man ewig hier auf dieser Welt verbleiben. Als hätte man einen Garantieanspruch auf den nächsten Tag. Die Augen offen, doch das Herz versiegelt, wandert man über die Erdoberfläche, angetrieben von seinen Trieben. Keine Rücksicht auf die Menschen und keine Rücksicht auf sich selber, denn was die meisten nicht ahnen; das größte Unrecht verübten sie gegen sich selbst. Ein Leben aufgebaut auf Konsum und Genuss, keine Reue oder Einsicht, dass durch die dichte Mauer der Ignoranz vorbeikommt. Ein Leben, dessen Sinn sich nur noch auf das Leben reduziert. Kein Anspruch zu verstehen, kein Verlangen nach Erklärungen, nur der stupide Trieb, der einen antreibt, um denselbigen zu befriedigen.

Jedoch, wird einem spätestens auf dem Sterbebett deutlich, dass das Leben so wie man es bisher gekannt hat, endlich ist. Es wird enden. Und plötzlich verfällt man in tiefe Gedanken und sucht nach Verständnis, nach einem Sinn. All diese Fragen, die man sein ganzes Leben lang verdrängt hat, all diese Fragen die keine Rolle gespielt haben, da man betäubt war vom Konsum, jetzt bohren sie durch den Kopf und hinterlassen ein großes dunkles Loch.

„Du wirst sterben und sie werden sterben.“ Dieser Gedanke sollte einem schon vorher in das Bewusstsein rücken, um nicht wie jene am Ende zu sein, die bis zu ihrem letzten Atemzug noch im Dunkeln verbleiben.

Ömer İbrahim Şamdanlı

Symphonie

Fest zugeschnürt und ohne Ausblick auf Lösung.

Wie in Ketten gelegt scheint dein Kampf verloren.

Das Herz hofft hilfeschreiend auf Fügung,

doch scheint der Körper wie eingefroren.

Sieh die Gedanken wie sie bohren.

Und sie lassen dich nicht davon.

Wie ein Anker, der dich immer am noch am selben Hafen hält,

wie ein Hinkelstein, der einen immer wieder zeigt, dass man gefangen ist.

Der Ballast, der deinen Ballon am Boden hält, wie einen Vogel mit gestutzten Flügeln zurücklässt .

Sie sind die Ketten der Vergangenheit,

die dich immer noch in ihren Bann halten.

Fest zugezogen und verriegelt haben sie deine Gedanken.

Und du wartest auf den Tag, bis endlich die Knoten platzen

bis die letzten Fäden zerreißen.

Jedoch, keine Kraft vermag diese Ketten zu durchbrechen,

außer deiner Selbst,

und hüten sollte man sich, sich zu rächen, auf das man nicht in die gleiche Falle fällt.

Ein Kreislauf, der nie zu enden vermag, ein Fluch vom Verfluchten Ibliis.

Weiter wartend auf den erlösenden Tag, doch spielt er weiter mit dir seine Symphonie.

Ömer İbrahim Şamdanlı

“ Über ihm ist 19“

Normalerweise beginnt alles mit dem 1. Schritt; das 1. Mal die Augen öffnen, das 1. Mal sprechen, das 1. Mal gehen und auch das 1. Mal hinfallen. Viele 1. Schritte im Kreislauf dieses Lebens, die 1 als Alpha, als Beginn von Allem. Normalerweise …

Doch, was ist schon normal in dieser Welt und woher nehmen wir uns das Recht überhaupt den Maßstab dafür festzulegen. Und so war es nicht verwunderlich, dass meine Reise nicht mit der magischen Zahl 1, sondern mit der 19 begann.

Mit ihr begann Alles; das Weiten der Brust für etwas, dass von Sinnen nicht wahrnehmbar ist, das Öffnen des Herzens für Jemanden, der schon seit Anbeginn deines Daseins mit dir war. Es war die Auseinandersetzung mit einer Realität jenseits von unserem empirisch geprägten Rationalismus. Eine Macht, die ihre Gewalt überall um uns herum erkennen ließ, jedoch in ihrem Ursprung für uns doch unergründlich ist. Eine Zahl so besonders, wie ihre Zusammensetzung

1 wie das Alpha, 9 wie das Omega; Anfang und Ende. Durch sie schloss sich der Kreis, die Frage nach Ursprung und Bestimmung wurde auf eine Art und Weise beantwortet, die wenn man aufrichtig ist, jenseits der menschlichen Kapazität liegt, ja jenseits vom Diesseits liegt.

Ein Beweis, so stichhaltig, dass man nur in voller Demut auf die Knie absinkt, in Dankbarkeit für diese klare Antwort; oder sich mit ignorantem Hochmut abwendet und mit dem Trugbild weiterlebt, jedoch genau im Herzen weiß, dass man sich selber belügt.

Für mich war sie schließlich die Antwort auf alle meine Fragen. Jedoch, war sie auch eine Verpflichtung für die Zukunft, denn mit ihr öffneten sich meine Augen. Wissen und Verständigkeit bringt Verantwortung mit sich. Vor allem war und ist es die Verantwortung hinsichtlich meiner Taten und welchen Weg ich einschlage.

Und so war sie damals ein Schlüssel, der mir in die Hand gedrückt wurde. Sie begleitet einen durch das Leben und lässt überall ihre Handschrift erkennen. Immer wieder beseitigt sie Zweifel, immer wieder ist sie ein Wächter der Wahrheit.

“ Über ihm ist 19“.

Ömer İbrahim Şamdanlı

Achtung: Persönlich

Das vielleicht härteste, was mir in diesem Leben auferlegt ist, ist der Balanceakt zwischen den beiden Welten in denen ich mich bewege. Geprägt von einer Außenwelt, die im Wettstreit nach Konsum und Bestätigung völlig aus den Fugen geraten ist, erkennt man von Zeit zu Zeit, welche fatalen Auswirkungen man selbst davonträgt. Man kann lange über Ideale und Werte philosophieren, jedoch ist es doch oftmals so, dass die Realität des Alltags am längeren Hebel sitzt. Unweigerlich wird man, auch wenn man es bestreitet und verleugnet, in den Sog dieses krankhaften Systems hineingezogen. Ein Tornado, der einen mitzieht, ein Inferno, welches in seinem Dunstkreis zwar nicht endgültig auslöscht , doch erhebliche Verbrennungen zufügt. Und diese Verbrennungen hinterlassen Narben. Narben, die ein Zeugnis darüber abgeben, dass wir Menschen schwach sind. So schwach, so dass wir nicht Mal unseren Werten und Prinzipien treu bleiben können.

Jedoch, gibt es da noch diese andere Welt. Sie war immer da von Anfang an. Zunächst unentdeckt und dann nach ihrer Kenntnisnahme, zum Mittelpunkt aufgestiegen. Plötzlich machte alles Sinn, auf einmal war alles schlüssig in sich. Die Seele konnte nach langem untertauchen endlich aufatmen, ein Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit kehrte ein. Jedoch, kann man diese eine Welt nicht separat von der anderen betrachten. Ihr Sinn liegt ja gerade in der Auseinandersetzung mit beiden Extremen. Der ewige Kampf. Körper gegen Seele. Dunya oder Akhirah. Und es war meiner Naivität geschuldet zu denken, man könne sich von großen Verbrennungen fernhalten. Denn im Eifer meines Kampfes vergaß ich, wer denn tatsächlich die Geschehnisse lenkt; wessen Gnade das Schicksal geschrieben hat. Und so wunderte man sich, ja war sogar fassungslos, dass trotz größter Anstrengung solche großen Feuer ausbrachen, die einen verbrannten und mit Narben gezeichnet zurückließen. Man verstand es nicht.

Jedoch, ist mir heute klar, dass jene Narben die Demut in mir zurückkehren ließen. Fehlbar zu sein ist keine Schwäche. Die falsche Entscheidung für eine Sache oder Person zu fällen ist nicht absolut. Das Schicksal richtet sich nach einem bestimmten Zweck. Daraus zu lernen und nicht in die selbe Falle zu tappen, die Reaktion auf die Prüfung; diese Dinge sind allein ausschlaggebend für den weiteren Verlauf in unserem Kampf. Und bis zum letzten Atemzug befinden wir uns zwischen zwei Welten, um dem Ziel, diese in Einklang zu bringen, so nah wie möglich zu kommen.

Ömer Ibrahim Şamdanlı

Trugschluss

Und du dachtest immer er wäre dein größter Feind. Überliefert in etlichen Erzählungen, verflucht und gepriesen von verschiedenen Seiten, fügt sich das Bild zusammen; das Bild eines jenen Wesens, den sie den Verfluchten nennen. Viele Namen hat er und vieles wird ihm zugeschrieben. Eigenschaften und Macht in einer Hülle voller Legenden und Mythen, die sich um ihn ragen. Jedoch, war es vielleicht sein größter Zug, den Menschen im Glauben zu lassen, er wäre sein einziger Feind. Eine Rolle des klassischen Sündenbocks, eine Manipulation, um den Kern, die Wahrheit zu verschleiern.

Der Mensch wälzt gerne alles negative ab, die Reflexion der eigenen Schuld wird immer relativiert, sodass man sich etwas sucht, um seine Schuld dort abzuladen.

Ein Feind ohne gleichen, gar keine Frage, jedoch wirklich unser größter? Lediglich die Macht einzuflüstern, die Tür zu zeigen, aber auch nicht mehr, war das nicht die Verheißung? Was treibt uns denn nun durch die Tür? Welche Kraft ist stärker in der Beeinflussung als der, den sie Iblis nennen? Ist er nicht an allem schuld und hat uns verführt?

Wenn man jedoch, ehrlich zu sich selbst ist, wenn man wahrhaftig bleibt, dann kommt man zu der Erkenntnis, dass jener uns zu den Abzweigungen dieses Lebens zwar ruft und in Versuchung bringt, doch im Endeffekt es unser Selbst, unser Nafs ist, dass uns treibt diesen Weg auch einzuschlagen.

Und so war es vielleicht sein größter Trick, sich als vermeintlich gefährlichsten Feind darzustellen, wobei doch der größte Verführer schon von Anfang an in uns selber lauert.

Ömer Ibrahim Şamdanlı

Winter

Eisiger Wind weht durch die kahlen Bäume. Der Asphalt glänzt vereist und alles scheint im winterlichen Mantel Anthrazit. Die Menschen gehüllt in dicke Jacken, die Landschaft bedeckt vom frischen Tau. Alles ist eingehüllt; alles schützt sich vor der Kälte.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Innenwelt eines manchen, die äußeren Gegebenheiten widerspiegelt. Abgekapselt und isoliert, verweilt man in sich, um die klirrende Kälte, die droht von Außen einzudringen, abzuwehren. Dabei richtet sich diese schützende Haltung nicht nur gegen die Kälte des Winters, vielmehr schwingt die Angst vor einer Kälte hinsichtlich menschlicher Zwischenbeziehungen mit.

Man fürchtet nicht körperlich zu erfrieren, man fürchtet heutzutage mehr denn je, dass die Seele erfriert.

Das, weil ein gefrorener Körper schnell wieder erwärmt werden kann, jedoch die Eisschicht auf der Seele nicht so einfach abzukratzen ist.

Und so wartet man, wie der Rest der Welt, auf den verheißungsvollen Frühling, auf den hoffnungsvollen Wetterumschwung, auf das auch endlich die innere Eiswand anfängt zu bröckeln.

Ömer İbrahim Şamdanlı

Ballast

Und mit einmal fängt alles an Sinn zu machen. Die Einzelteile; alle ergeben sie nun ein Gesamtbild und dir wird klar, dass die vergangenen Jahre, dieser Ballast, den man mit sich getragen und fälschlicherweise für Gut empfunden hat, dass jener Ballast dich nach unten gezogen hat, dich unten gehalten hat. Man ist lange abgetaucht, man hat lange bis zum nächsten Atemzug gebraucht, doch der Wille zu Atmen lässt einen aus dem Wasser stechen, so wie der Wille, wieder sein eigenes ich zu finden den Ballast der Vergangenheit abwirft. All die Last, all die Probleme, alle scheinen sie durch die neue Leichtigkeit zu verschwimmen. Je weiter man aufsteigt, je weiter man seine Ziele nach oben fokussiert, verbleiben die Schatten unserer Vergangenheit immer kleiner auf dem Boden. Und nun fängst du an zu verstehen, dass es zwei Sorten von Menschen gibt, welche dich auf deinem Flug beeinflussen. Die einen sind Kraftstoff und treiben dich an, sodass du neue ungeahnte Sphären erreichst, wobei die anderen getarnter Ballast sind und dich immer weiter runterziehen und am Boden halten. So sollte man sich gut umschauen, wer einen selber umgibt, um nicht durch unnötigen Ballast von seinen Zielen und Träumen abgehalten zu werden.

Ömer İbrahim Şamdanlı

„Wie gehts dir?“

Und damit meine ich nicht die obligatorische Floskel, wenn man zufällig jemanden begegnet. Nicht dieses „Wie geht’s dir?“, welches aus Höflichkeit rausrutscht, jedoch auch nur geheuchelt ist. Damit ist nicht gemeint jener zwanghafte Versuch ein Gespräch zu beginnen. Auch ist es nicht jenes „Wie geht’s dir?“, dass mangels Themen die einzige Alternative ist, doch im Endeffekt Interesse vortäuscht.

Ich meine jenes „Wie geht’s dir?“, welches ehrlich und aufrichtig vom Herzen kommt. Dieses „Wie geht’s dir?“, dass wirklich wissen will, wie es der Person gegenüber geht. Ein „Wie geht’s dir?“, dass einem das Gefühl verleiht, dass da jemand ist, der wirklich wissen möchte, wie es in einem selber aussieht.

So sollte man ein „Wie geht’s dir?“ nicht aufgrund von gesellschaftlicher Etikette zu einer Förmlichkeit verkümmern lassen, sondern sich die Zeit nehmen hinzuhören, denn manchmal kommt etwas zurück, was man nicht erwartet hätte.

Ömer İbrahim Şamdanlı